Wozu Romberg-Forschung ?

W enn man am Geburtsort Andreas Jakob ROMBERGs (1767 - 1821) die Frage stellt, weshalb aus einem gefeierten Musiker ein vergessener Unbekannter geworden ist, bleibt zum Finden einer Antwort nur übrig, seinem Werk, was ihn zu seiner Zeit berühmt gemacht hat, nachzugehen.

Ausgangspunkt ist die 1938 im Auftrag des "Vereins für Hamburgische Geschichte" angefertigte zweibändige Romberg-Biographie des Musikwissenschaftlers Kurt Stephenson.

Der Ruf Rombergs war durch alte Presseberichte zu rekonstruieren. Die überkommenen Werke, welche Stephenson in seine Bibliographie aufnahm, waren zu dieser Zeit längst klanglich tot, - es gab 1938 keine lebendige Rombergtradition mehr. Die Idee, diese historische Musik erneut zu hören, lag offenbar fern.


In Vechta war um 1965 noch ein waches Romberg-Interesse vorhandenen. Dem Fach Musik der Hochschule wuchs im Laufe von Jahren die Aufgabe zu, eine erneute Bestandsaufnahme vorzunehmen. Die zerstreuten Werke mußten wieder zusammengetragen werden. Sie wurden von ihrem historischen Ballast (kaum lesbare Handschriften, alte Schlüssel, Fehlen von Partituren, Fehlen von Taktziffern) befreit, um ein Archiv in gut lesbarem, modernem Notenbild anzulegen. So entstand 1993 eine "Arbeitsstelle Romberg" beim Fach Musik der Hochschule; 1995 gründete sich die "Andreas-Romberg-Gesellschaft Vechta e.V."

Im Verlauf von etwa acht Jahren gelang es, Rombergs Werke weitestgehend komplett wieder zu erreichen.

Ein wichtiger zusätzlicher Gesichtspunkt wurde im Hinblick auf die kritische Edition der Werke und wegen der Notwendgikeit einer öffentlichen Dokumentation der Forschungsarbeit die klangliche Erprobung von Rombergs Musik und deren Einspielung in Tonaufnahmen. Hierbei erwies sich die unerhörte Qualität und Frische seiner Musik, welche bei den Ausführenden echte Romberg-Begeisterung hervorrief.


Romberg, ein "Klassiker"

Der mit Popularmusik eingedeckte heutige Hörer muß für Haydn und Beethoven geöffnete Ohren mitbringen, will er sich ihrem Zeitgenossen Romberg nähern. Er wird seine Nähe zur Wiener Klassik, speziell zu Joseph Haydn, feststellen, ferner eine Menge Züge seiner nordwestdeutschen Heimat, außerdem eine profunde Kenntnis historischer Stile, die ihn von den Zeitgenossen unterscheiden.

Das an Beispielen zu belegen und zu verstehen, fordert einen Abstecher in die Musikwissenschaft.

 

  1. Wenn Romberg in seinem "Dixit Dominus" und in seiner "Messe" einen Abschnitt lang das Orchester schweigen und den Chor a cappella im altitalienischen Motettenstil Palestrinas singen läßt, so zeigt das - über die Kenntnis des alten Stils hinaus - seinen Willen und seine Fähigkeit, diesen zu integrieren und ihn mit seiner eigenen Sprache zu füllen.

  2. Wenn Romberg - im Gegensatz zu seinen Mitklassikern - bevorzugt Vokalkompositionen, Kantaten, schreibt und dort dem vierstimmigen Chor mehrfach eine fünfte Oberstimme zufügt, so geht das auf norddeutsche Kantaten-Tradition zurück, wo Telemann und speziell Dietrich Buxtehude solche fünften Oberstimmen anwenden, eine Art, die sich auch in den geteilten Sopranen Bach'scher Fünfstimmigkeit wiederfindet. Rombergs (fünfte) Oberstimme im Choral der "Psalmodie" (II) weist auf Choralzitate in den Oberstimmen Thüringischer und Bach'scher Motetten als Quelle hin.

  3. Bei Rombergs siebenteiliger "Psalmodie" haben Bachs Motetten ohnehin Pate gestanden, sogar bis in die auffallende Identität hinein, ein benutztes Fugenthema innerhalb der Schlußkadenz letztmalig noch einmal markant zu plazieren. Wer unter Rombergs Zeitgenossen war übrigens in der Lage, polyphone 8- bis 16-stimmige a cappella-Motetten zu schreiben? Das Prinzip der achtstimmigen venezianischen Doppelchörigkeit aus den großen geistlichen Chorwerken der italienischen Renaissance (Gabrieli) wird von Romberg auch in seiner instrumentalen Kammermusik, im Doppelquartett für acht Streicher, angewendet.

  4. Rombergs Symphonik ist ein Bindeglied zwischen Philipp Emanuel Bach und der beginnenden Romantik (Spohr/Mendelssohn). Auch hier ist seine Bachverehrung greifbar, wenn der Finalsatz seiner "Dritten" in einer langen, kunstvollen Fuge mit Modulationen in entlegene Tonarten seine Krönung erfährt, ein höchst ungewöhnlicher Abschluß für eine Symphonie.

  5. Rombergs Vorliebe für das Vokale, Kantable hat ihren Niederschlag auch in seiner Instrumentalmusik gefunden: Er läßt Flöten, Oboen, Klarinetten und Fagotte "singen" und erzeugt damit einen "lyrischen" Ton, der eine deutliche romantische Vorahnung Schuberts und - in Verbindung mit Hörnern - Carl Maria von Webers vermittelt.

  6. In seinen Opern-Ouverturen verwendet Romberg bei Steigerungs-Phasen als Höhepunkt unerwartet "terzverwandte" Klänge, welche wegen der Fremdheit innerhalb ihrer tonalen Umgebung der Wirkung eines barocken "Neapolitaners" ähnlich sind.


A

ndreas Romberg, von Stephenson 1938 als im Schatten der großen Klassiker gesehen, steht als ein absolut Eigener, "Anderer" in ihrem Kreise, er befindet sich sowohl als Kenner und Bewahrer historischer Wurzeln wie auch als Erprober von stilistisch Neuem im aktuellen Schnittpunkt der klassisch-romantischen Epoche.

Romberg